Katar

Seit Juni 2008 ist Yousef al-Otaiba Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in den USA. Seine lange Amtszeit deutet auf bestes Geschäftsklima mit den Amerikanern. Im Juli 2010 Befürwortete Otaiba militärische Angriffe gegen iranische Kernkraftwerke. Ein solcher fataler Angriff wird ansonsten nur von Israel gefordert. Aufgrund der strategischen Symbiose der USA und der EU mit dem Iran in den Kriegsgebieten Irak und Afghanistan seit etwa 2005 wurde der Iran aus der ursprünglichen Angriffsliste die von der Bush-Administration konzipiert wurde herausgenommen. Die Krönung dieser Bündnispolitik des Westens mit dem Iran war das Atomabkommen von 2015. Zuletzt feierten westliche Medien die Wiederwahl des iranischen Präsidenten Rohani enthusiastisch. Zwar rüstet der Westen weiterhin die arabischen Golfstaaten mit milliardenschweren Waffenverkäufen gegen den Iran auf, doch ein Krieg gegen den Iran ist für die westliche Kriegskoalition auf unabsehbare Zeit nicht auf der Tagesordnung. Die Überlebensstrategie der westlichen Kriegskoalition in der Kriegszone zwischen Hindukusch und Westafrika geht vor und hier decken sich nun mal die Ziele des Westens mit dem Iran. Aufgrund der fehlenden prowestlichen Massen in den Kriegsgebieten setzt der Westen auf schiitische Minderheiten im Irak und Afghanistan die vom Iran gesteuert werden. Zunächst konnte die westliche Kriegskoalition durch diese Annährung an den Iran die eigene Position im Irak und Afghanistan bis etwa 2010 stabilisieren. Mit dem Arabischen Frühling der zum kurzfristigen Zusammenbruch prowestlicher arabischer Regime führte und nur schwer kompensiert werden konnte, dem Ausbruch des Syrischen Krieges, der russisch-iranischen Intervention in Syrien sowie der iranischen Intervention in den schiitisch-sunnitischen Bürgerkrieg im Jemen, kam es zu ernsthaften Brüchen im westlich-iranische Bündnis. Besonders Israel scheint grosses Interesse daran zu haben den Iran wieder auf die Liste der „Schurkenstaaten“ zu setzen. Mit Blick auf die Stellvertreterkriege in Syrien und der Ukraine und den Spannungen in Korea und dem Südchinesischen Meer zwischen dem Westen und dem Bündnisblock China-Russland-Iran ist diese jüngste Entwicklung nicht sehr überraschend. Das nun der kleine Golfstaat Katar von allen arabischen Nachbarn drangsaliert wird, gehört sicher auch in diese Kriegsstrategie.

Zurück zu Botschafter Otaiba in Amerika. Ein Hacker-Angriff auf Otaibas E-Mail-Konto führte zu einem Datenleck. Aus den entwendeten E-Mails gehen unter anderem auch Otaibas konspirative Kontakte zur us-amerikanischen israelischen Lobbyorganisation FDD (Foundation for Defence of Democracies) hervor. Von den Hackern wurden die Daten an diverse Onlinemedien wie The Intercept, Huffington Post und The Daily Beast verschickt. The Intercept zufolge sollen die Hacker eine E-Mail-Adresse benutzen die auf Russland verweist. Die Hacker hätten zudem angedeutet dass sie in Verbindung zu Hackern stehen auf deren Konto auch auch die Hackerangriffe auf Hillary Clintons Demokratische Partei während des letzten US-Wahlkampfs gehen. Otaibas Kontaktmänner vom FDD waren Mark Dubowitz und John Hannah. Die FDD darf zu den besonders einflussreichen prozionistischen Lobbyorganisationen aus den USA gezählt werden. Unter den Gründern und Mitgliedern befinden sich mächtige jüdisch-amerikanische Oligarchen. Michael Steinhardt z. B. gehört zu einem der einflussreichsten jüdisch-amerikanischen Clans. Sein Vater war „Geschäftspartner“ des legendären jüdisch-amerikanischen Mafiapaten Meyer Lansky. Oder etwa das leibhaftige Klischee vom jüdischen Finanzspekulanten, Paul Singer. Nur wenige Tage nachdem Otaibas E-Mails an die Öffentlichkeit kamen und die jüdisch-amerikanisch-arabische Connection aufflog (europäische Medien berichteten wie gewohnt nicht darüber) eskalierte die Situation am Persischen Golf.

Wie aus dem E-Mail-Verkehr hervorgeht, hatten Otaiba und seinen FDD-Kontaktleute besonders Katar im Visier. Katars diplomatische Kontakte zum Iran und der mediale Einfluss über den Sender Al-Jazeera den Katar nicht nur in die arabischsprachige Welt aussendet, sind den jüdisch-amerikanisch-arabischen Freunden ein Dorn im Auge. Während die anderen Ölscheichtümer aufgrund der blutigen Konflikte im Irak, Syrien und Jemen ihre diplomatischen Beziehungen zum Iran komplett abbrachen, zeigte Katar eine beeindruckende Eigenständigkeit und hielt die Kontakte zum Iran aufrecht. Dabei ist Katar aber keinesfalls ein Verbündeter des Iran. Wie die anderen Golfstaaten, so unterstützt auch Katar besonders in Syrien die sunnitischen Kräfte gegen das Assad-Regime und dessen Schutzmächte Iran und Russland. Auch die militärische Zusammenarbeit Katars mit der Türkei ist nicht zuletzt gegen den iranischen Einfluss in der Region gerichtet. Destabilisierend für die prowestlichen arabischen Potentaten wirkt sich aber der Sender Al-Jazeera aus. Die kritische Berichterstattung des Senders hat in der arabischen Welt zu einem Wandel des politischen Bewusstseins geführt und den Arabischen Frühling angestoßen; sehr zum Nachteil des Westens und seiner arabischen Marionetten. Bisher ließ sich Katar von Drohungen und Repressalien nicht von seinem mutigen Unabhängigkeitskurs bringen. Katar und die Türkei sind zudem die einzigen muslimischen Länder in der Region die den verfolgten Muslimbrüdern Schutz gewähren. Wohl ein weiterer Dorn im Auge des Westens und seiner arabischer Lakaien.

Saudi-Arabien, die VAE, Bahrain und Ägypten brachen am 05. Juni 2017 die diplomatischen Beziehungen zu Katar ab. Ob dieser Schritt mit den USA abgesprochen war, wie westliche Mainstreammedien mit Verweis auf den kürzlichen Besuch von Präsident Trump in der Region spekulierten, ist nicht klar. Nur einen Tag nach dieser Zuspitzung auf dem diplomatischen Parkett, sprach das FBI von einem „Missverständnis“; angeblich hätten russische Hacker auch noch die staatlichen katarischen Medien infiltriert und eine Verlautbarung des katarischen Staatsoberhaupts mit Bezug zum Iran manipuliert. Dabei soll eine äußerst proiranische Stellungsnahme herausgekommen sein. Diese Geschichte mutet nicht nur deshalb kurios an weil statt des us-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA oder der Abhörspezialisten vom NSA, das FBI sich zu Wort meldete. Das FBI macht zudem den Eindruck als wollten die Amerikaner die Ereignisse herunterspielen bzw. deeskalieren. Die Anschuldigung des FBI richtet sich unausgesprochen natürlich gegen den russischen Auslandsgeheimdienst FSB. Die Intervention des FBI scheint sich gleichzeitig an die Adresse der Verbündeten (Saudi-Arabien, die VAE, Bahrain und Ägypten) zu richten. Sollten die Angaben des FBI richtig sein, könnte es sein dass die Amerikaner wütend über ihre Verbündeten sind weil diese auf eine russische Provokation hereinfielen und somit die ohnehin angespannte Situation in den Kriegsgebieten nur noch komplizierter machen. Eine weitere Frage wäre, ob das FBI, d. h. die tiefenstaatlichen Strukturen der USA und Trump hierbei an einem Strang ziehen oder ob Trump seine proisraelische und antiiranische Agenda eigenmächtig vorantreibt.

Ob das ganze diplomatische Geplänkel nun ein „Missverständnis“ bzw. eine russische Provokation war oder von der jüdisch-amerikanisch-arabischen Connection um Otaiba und der FDD eingefädelt wurde, bleibt zunächst ungewiss.

Heute (08. Juni) wurde bekannt dass die Türkei weitere 500-600 Soldaten nach Katar entsenden wird. Derzeit befinden sich etwa 100 türkische Soldaten in Katar. Die türkische Militärmission soll langfristig in Katar bleiben und den Aufbau katarischer Streitkräfte unterstützen. Gleichzeitig bot sich Präsident Erdoğan als Vermittler zwischen den streitenden Golfstaaten an.

Quellen/Verweise:

Hacked emails show top UAE diplomat coordinating with pro-Israel think tank against Iran

Hackers vow to relwase apparent trove of UAE ambassadors emails

Foundation of Defense of Democracies

Atomabkommen – Trumps doppelte Iran-Strategie

Katar: Widersprüchliche Äußerungen aus der US-Administration

FBI soll Fake News vermuten – Die Katar-Krise – das Werk russischer Hacker?

Konflikt mit Saudi-Arabien: Erdogan auf Seite von Katar: Türkei schickt Truppen ins Emirat

Naher Osten: Kuwait und Türkei wollen im Katar-Konflikt vermitteln

 

„Türkischer Geheimdienst leakte Putsch-Plan, will CIA jetzt Bürgerkrieg?“ und „Putschversuch in der Türkei: Wenn „Verschwörungstheorie“ plötzlich salonfähig ist“

Alexander Benesch (ehemals Betreiber von „infokrieg.tv“) wunderte sich zurecht über die wundersame Einhelligkeit der sogenannten Qualitäts- und Alternativmedien über den Putschversuch in der Türkei. Der türkische Präsident Erdoğan hat doch tatsächlich das Wunder vollbracht diese beiden – sich im übrigen spinnefeind gegenüberstehenden – ‚aufklärerischen‘ Triebtäter zusammenzuführen. Die ‚kritische Logik‘ beider Pole des zeitgenössischen medialen Autismus kann sich allem Anschein nach einen gescheiterten Militärcoup nicht vorstellen. Daher lautet die allgemeine ‚Synthese‘: ‚Der Putschversuch war dilettantisch vorbereitet und scheiterte deshalb. Ergo kann es sich nur um ein Fake handeln. Sowas kann wiederum nur der Erzbösewicht Erdoğan ausgeheckt haben.‘ Das hohe verschwörungstheoretische Potenzial dieser ‚logischen Schlußfolgerung‘ ist auch der alternativmedialen „Propagandaschau“ nicht entgangen. Das gut geplante Militärcoups sehr wohl scheitern können führt Benesch am Beispiel des vom britischen Geheimdienst inszenierten Umsturzversuchs im Iran (1951) vor. Im zweiten Anlauf konnte dann die CIA (1953) den damaligen iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh tatsächlich stürzen. (Siehe auch: Operation Ajax) Ein weiteres, noch aktuelleres, Beispiel wäre der Militärputsch in Venezuela (2002). Dieser Fall gleicht dem in der Türkei auf frappierende Weise. Der damalige venezolanische Regierungschef Hugo Chavez widersetzte sich den Putschisten und schaffte es die Massen gegen die Militärs zu mobilisieren.

Benesch hat eine kompakte Zusammenfassung zum „inszenierten Putsch“ auf seiner Seite veröffentlicht. Aufgrund der zielgerichteten Zusammenfassung einiger wichtiger ‚technischer‘ Einzelheiten des gescheiterten Putsches vom 15./16. Juli 2016 sei der Artikel hier (leicht gekürzt, Links wie im Original) wiedergegeben. Außerdem sei auf dieses Video von Benesch verwiesen. Auch der kurze „Propagandaschau-Artikel ist lesens- bzw. schauenswert. Bravo an beide Alternativmedien – gut aufgepaßt!

Türkischer Geheimdienst leakte Putsch-Plan, will CIA jetzt Bürgerkrieg? – Der türkische Geheimdienst MIT informierte laut einer Meldung der Hürriyet Daily News ranghohe Generäle Stunden vor Beginn des Putsch-Versuchs über die drohende Situation. Der Generalstabschef General Hulusi Akar leitete sofortige Schritte ein. Westliche Medien versuchten im Nachhinein, zu unterstellen dass der gescheiterte Putsch klein und amateurhaft gewesen sei und deshalb wahrscheinlich von Erdogan persönlich inszeniert worden wäre, um einen Vorwand für politische Säuberungen zu erhalten. Die westlichen Medien erwähnten nicht die sehr wahrscheinliche Möglichkeit, dass der Plan ganz einfach vorher durchgesickert war. Sobald das Überraschungsmoment verloren war, die Ergreifung Erdogans scheiterte und Erdogan-treue Militärs Maßnahmen ergriffen, erlahmte der Putschversuch ziemlich bald, was ausländische Beobachter fehldeuteten als einen halbherzigen und amateurhaften Putsch.

(…)

Präsident Erdogan entkam nur knapp dem Angriff eines Sonderkommandos der Putschisten und wurde unter Verwendung des falschen Transpondersignals  „THY 8456“ in seinem Privatflugzeug ausgeflogen. Im Urlaubsort Marmaris wurde ihm eine Stunde vor Beginn des Putsches telefonisch die Warnung übermittelt, worauf ihn seine Wachleute sofort evakuierten. Nur 15 Minuten später landeten die Putschisten mit Helikoptern und eröffneten das Feuer. Sie kamen zu spät. Es gehört zum Standard-Vorgehen bei einem Putsch, das Staatsoberhaupt möglichst als erstes zu verhaften oder zu töten, bevor die anderen Aktionen beginnen.

Der Pilot von Erdogans Privatmaschine maskierte die Identität des Flugzeugs durch die Verwendung des Transpondersignals „THY 8456“ und ließ es somit auf den Radarschirmen aussehen, als handle es sich um ein reguläres Passagierflugzeug. Deshalb konnten Abfangjäger der Putschisten den Präsidenten bei seinem Rückflug nach Istanbul nicht aufhalten. Zu groß war das Risiko, eine Passagiermaschine abzuschießen. Die ausländischen Medien betrachteten den ungehinderten Rückflug Erdogans fälschlicherweise als Beleg dafür, dass er die ganze Sache als Theater-Schauspiel inszenieren ließ.

Sogar der ehemalige deutsche NATO-General Hans-Lothar Domröse gibt zu: Inszeniert war dieser Putsch „sicherlich nicht“. Wenn Erdogan selbst dahinter gesteckt hätte, „hätte er sich diesen lächerlichen Handy-Auftritt sparen können.“ Gemeint war das Interview mit CNN Türk mit Hilfe der Handy-App FaceTime.

Sevim Dağdelen, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, erklärte auf dem Nachrichtensender N24, dass Erdogans Programm der „Bürgerkrieg“ sei und derzeit eine „Pogromstimmung“ herrschen würde gegen all diejenigen, die nicht auf Seite Erdogans stünden. Die westlichen Medien scheinen allesamt schwer beleidigt zu sein über das Scheitern des Putsches und führen nun einen Krieg der Worte gegen Erdogan.

In dem Standardwerk „CIA: Die ganze Geschichte“ erläutert der Autor Tim Weiner anhand von zehntausenden ausgewerteten Akten, wie der amerikanische Geheimdienst in vielen Fällen Putschversuche auf der Welt angeleitet hatte und dabei oft scheiterte. Den Massenmedien sind diese Zusammenhänge durchaus bewusst, nur werden sie momentan überhaupt nicht berichtet. Immer wieder nutzte die CIA Bestechung oder Erpressung, um Militäroffiziere für einen Staatsstreich anzuwerben, aber auch geheime Waffendepots wurden angelegt.

Falls die CIA tatsächlich hinter dem Putsch gegen Erdogan steckte, zu hoch pokerte und verlor, ist nun die Frage, wie der Geheimdienst weiter verfahren wird. Einen Bürgerkrieg anzuzetteln und diesen zu tarnen als genuinen Volksaufstand dürfte angesichts der Säuberungsaktionen Erdogans nun ziemlich schwierig zu bewerkstelligen sein. Eine andere Methode wäre der offene Wirtschaftskrieg. Die Springerpresse kommentiert aktuell: „Nur das Kapital kann Erdogan noch zähmen.“

(…)

Die USA hatten lange an Erdogans Ast gesägt, mit wirtschaftlichen Methoden die türkische Wirtschaft geschwächt und mit seinen Rivalen angebandelt wie Mustafa Koc und Fethullah Gülen. Koc ist überraschend Anfang 2016 gestorben. Er wurde zur Zielscheibe, nachdem er den Demonstranten der Gezi Park-Proteste geholfen hatte. Seine Firmen wurden von den Steuerbehörden ins Visier genommen und große Staatsaufträge wurden abgesagt. Studiert hatte er an der George Washington University in Washington D.C. und nahm an Bilderberg-Konferenzen teil. Seine Unternehmensgruppe kooperierte mit westlichen Unternehmen wie Ford. In der deutschen Presse waren schwärmerische Artikel über ihn erschienen.

Gülen lebt immer noch im amerikanischen Exil und beteuert seine Unschuld am Putschversuch. Sogar das FBI und die russischen Geheimdienste vermuten, dass Gülen Geld von der CIA und den Saudis erhält. Die Massenmedien betonen nun, dass die vergangenen Säuberungsaktionen Erdogans allesamt angeblich nur auf Lügen und Verschwörungstheorien basierten, wie etwa Ergenekon. Allerdings verschweigen die Medien alle bislang bekannten Fakten zu dem sogenannten „tiefen Staat“ und den klandestinen Netzwerken.

Auch wird unterschlagen bei den Erwähnungen des letzten erfolgreichen Putsch-Führers General Kenan Evren, dass jener Hand in Hand mit der CIA arbeitete.

Siehe auch: Die Geheimnisse von Erdogans Flug nach Istanbul während dem Putsch

Volksrevolution in der Türkei – Bürgerkriegsgefahr in den USA

Hätten die Putschisten in der Nacht vom 15. zum 16. Juli 2016 ihr wichtigstes strategisches Ziel, die Festsetzung Präsident Erdoğans, erreicht, wären die offiziellen Reaktionen der selbsternannten Internationalen Staatengemeinschaft (IS) ganz anders ausgefallen. Washington, Brüssel, Berlin, Paris und London hätten ‚zur Deeskalation der Situation‘, ‚der schnellen Rückkehr zu demokratisch-rechtsstaatlichen Strukturen‘ aufgerufen und Präsident Erdoğan (falls dieser überhaupt die Gefangennahme überlebt hätte) den Rücktritt ’nahegelegt‘. Diese Masche hatte zuletzt in Ägypten perfekt funktioniert. In der Türkei kam es aber ganz anders. Präsident Erdoğans Aufruf an das Volk, den Putschisten nicht zu weichen wurde zur Generalprobe einer islamischen Volksrevolution in der Türkei. Millionen gingen auf die Straßen, stellten sich mit bloßen Händen Panzern entgegen, blockierten Kasernen und sprachen lauthals ihre Meinung aus. Die Geschehnisse können schon jetzt als historisch bezeichnet werden.

Die prowestlichen Auftragskiller gehören nach derzeitigen Erkenntnissen überwiegend zur Anhängerschaft des im Westen allseits beliebten und protegierten „Dialog- und Toleranz“-Priesters Fethullah Gülen. Unter den Putschenden Offizieren können aber auch Reste extremistischer Ataturkisten sein. Zuletzt hatten sich auf Anweisung ihrer atlantischen Herren Gülenisten und Ataturkisten verbrüdert. Die sicher noch lange andauernde juristische Aufarbeitung der Vorgänge vom 15./16. Juli wird über diesen Punkt noch so einiges ans Tageslicht bringen.

Der Versuch eine prowestliche Militär-Junta zu errichten um Präsident Erdoğan zu stürzen erschien im allgemeinen dilettantisch. Das lässt sich aber weniger auf Vorbereitung und Entschlossenheit der Putschisten zurückführen. Vielmehr kam den Putschisten ein Faktor in die Quere mit dem sie nicht gerechnet hatten: Das Volk.

Daneben können (in aller Kürze) folgende weitere Faktoren aufgezählt werden: Die Putschisten hatten nicht die Unterstützung des türkischen Generalstabs. Obwohl sie es zunächst schafften den Generalstabschef Hulusi Akar festzusetzen. Unter Todesandrohungen und Folter weigerte sich Generalstabschef Akar tapfer einen Aufruf der Putschisten an die Steitkräfte zu unterschreiben. Zudem verkündete sein erster Stellvertreter Ümit Dündar seine Loyalität zur gewählten Regierung und arbeitete in den kritischen Stunden zielstrebig an der Niederschlagung des Putschversuchs. Ministerpräsident Binali Yıldırım war nach Bekanntwerden des Putschversuchs auf seinem Posten und versprach den Putschisten für ihren landesverräterischen Akt härteste Bestrafung. Generalstabschef Akar wurde im Laufe der Nacht vom 15./16. Juli durch ein Spezialkommando der Streitkräfte befreit. Nicht nur das Offizierscorps verweigerte sich mehrheitlich dem Putschversuch, auch die Mannschaftsränge verweigerten mehrheitlich die Befehle als der wahre Sinn der „Übungen“ ersichtlich wurde.

Wohl in den Nachmittagsstunden des 15. Juli wurde Präsident Erdoğan vom türkischen Auslandsgeheimdienst (MİT) über eine kurz bevorstehende staatsgefährdende Aktion unterrichtet. Dieser Umstand war entscheidend. Die Putschisten bekamen die verschärften Sicherheitsvorkehrungen um den Präsidenten ebenfalls mit und waren gezwungen früher loszuschlagen. Ursprünglich planten die Putschisten ihre verräterische Aktion um 04:00 Uhr des 16. Juli; zu einem Zeitpunkt als sich das Land nichtsahnend in tiefem Schlummer befand. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit war das Überraschungs- und Überrumplungsmoment für die Putschisten existenziell.

So begann der Putsch am 15. Juli gegen 22:00 Uhr. Der Zugriff auf die Person des Präsidenten misslang den Putschisten. Als die Putschisten den Urlaubsort des Präsidenten in Marmaris stürmten, war Präsident Erdoğan gerade auf dem Flug nach Istanbul um von dort den Widerstand zu initiieren. Nach eigener Aussage des Präsidenten verfehlten ihn Gülens Schergen nur um 15 Minuten. Desweiteren hatten die Putschisten keinen direkten Zugriff auf landesweit sendende Medien. Sie stürmten zwar den staatlichen Sender TRT in Ankara und ließen mit vorgehaltener Waffe eine Verlautbarung verlesen, doch nachdem das Volk durch den Aufruf Präsident Erdoğans zum Widerstand massenhaft auf die Straßen ging, wurde schnell klar dass niemand gewillt war ‚Ruhe und Ordnung zu bewahren und in den Häusern zu bleiben‘. In den Monaten vor dem Putsch hatten die Gülenisten ihre wichtigsten medialen Instrumente (z.B. die Tageszeitung Zaman und den TV-Sender Samanyolu) verloren. Das damalige Gegeifer um angebliche Meinungsfreiheit (besonders aus dem Westen) sollte nach dem Putschversuch der Gülen-Clique besonders zu denken geben. Sender wie TRT, die von den Putschisten besetzt wurden, wurden vor allem durch das Volk gestürmt und befreit. Neben den Blockaden von Kasernen, war der Schutz der Medien durch das Volk ein entscheidender strategischer Schlag gegen die Putschisten. Die ataturkistischen Medien (z.B. die Tageszeitungen Cumhuriyet, Aydınlık, und Sözcü oder der TV-Sender Kanaltürk) sind zu marginal und genießen bei der Bevölkerungsmehrheit ohnehin keinerlei Glaubwürdigkeit. Von kleineren Manipulationsversuchen abgesehen hatten diese Kreise auch schnell die Hosen voll als die Geschehnisse in Richtung islamische Volksrevolution gingen.

Zu den medialen-propagandistischen Umständen des Putschversuchs noch eine delikate Einzelheit: um 21:35 (GMT) veröffentlichte die us-amerikanische „Denkfabrik“ Stratfor eine gezielt desinformative Meldung. Derzufolge sei Präsident Erdoğan nach einer Zwischenlandung in Istanbul auf dem Flug nach Deutschland. Stratfor wußte(!) sogar schon dass der türkische Präsident um politisches Asyl in Deutschland nachgesucht habe. Stratfor berief sich dabei auf „hochrangige US-Militärs“. Stratfor wird von Kritikern auch als „Schatten-CIA“ bezeichnet. Der Gründer und Direktor George Friedman verfügt über gute Drähte zur US-Army sowie diverse akademische Kreise. Friedmans „Schatten-CIA“ fungierte während der kritischen Stunden des 15./16. Juli offen als psychologischer und investigativer Unterstützer der Putschisten. (Türkei sammelt Hinweise auf US-Verbindungen zum Putsch). Die bewußte Falschmeldung wurde auch vom Twitter-Account des privaten Nachrichtendienstes verbreitet. Dort fallen explizit Deutschlandfeindliche Kommentare von Stratfor-Followern auf. Friedman ist ebenfalls schon mehrfach durch Deutschlandfeindliche Aussagen und „Prognosen“ aufgefallen. (Spielt Deutschland ab 2050 keine Rolle mehr?)

Besonders nach dem missglückten Zugriff auf Präsident Erdoğan versuchten die Putschisten durch brutale Waffengewalt Regierung und Volk einzuschüchtern. Auf die Menschen die sich natürlich unbewaffnet den Panzern entgegenstellten wurde scharf geschossen, unter anderen wurde das Gebäude der Nationalversammlung sowie das Hauptquartier des Auslandsgeheimdienstes (beide in Ankara) durch Kampfhubschrauber bombardiert. Nach diesen feigen Luftangriffen schaltete die regierungstreue türkische Luftwaffe sämtliche feindlichen Luftbewegungen über dem Regierungsviertel in Ankara aus. Im offenen Kampf hatten die Gülenisten keine Chance. Insgesamt fielen den Angriffen der Putschisten 246 türkische Staatsbürger zum Opfer. Davon 179 Zivilisten. (Quelle: Nachrichtenagentur Anadolu vom 22.07.2016)

Genau das meinte Präsident Erdoğan als er von einem „Geschenk des Himmels“ sprach. Das Gülen-Netzwerk hatte sich aus der Deckung gewagt und zeigte endlich sein wahres Gesicht.

Die Putschisten hatten eine Liste mit den Namen von 400 militärischen und zivilen Beamten erstellt, die als Führungsriege der prowestlichen verräterischen Junta fungieren sollten. Mit der Niederschlagung des Putschversuchs fiel den türkischen Behörden auch diese Liste in die Hände. Der Großteil dieser Personen wurde inzwischen der Justiz zugeführt. Nicht nur über diese Liste hat die türkische Regierung einen guten Überblick über die westlichen Einflußagenten in der Türkei. Der entscheidende Schlag gegen Gülens verbliebene Sektenjünger an Schaltstellen des türkischen Staatsapparats wäre Ende August erfolgt. Die nachrichtendienstlichen und juristischen Vorbereitungen dazu laufen teilweise schon seit Jahren. Das erklärt auch die große Zahl der inzwischen verhafteten Staatsbediensteten. An der Verhaftungs- und Entlassungswelle ist also nichts „willkürlich“ wie westliche Politiker und Medien in manipulativer Absicht behaupten. Mit dem Putschversuch versuchten die Gülenisten nicht zuletzt auch ihre finale Enthauptung in letzter Minute noch abzuwenden. Mit der Gülenistischen Paralellstruktur innerhalb des türkischen Staatsapparats verliert der Westen ein bedeutendes Manipulations- und Angriffsinstrument.

Daher rührt die momentane Panikstimmung in westlichen Diplomaten, Politiker- und Medienkreisen. Unter denen die derzeit versuchen Gülens Überreste zu bergen und immer noch meinen der Türkei drohen zu können seien hier stellvertretend nur zwei Figuren genannt.

Unter den ersten die in der deutschen Medienlandschaft ans Mikro sprangen waren Omid Nouripour und Elmar Brok. Am Morgen nach dem Putschversuch beschwörte Nouripour noch die angebliche Gefahr eines Bürgerkriegs in der Türkei. Laut Nouripour könnte es dazu kommen wenn die türkischen Streitkräfte in feindliche Lager auseinanderfallen würden. Was da im stereotypen Politiker-Betroffenheitstonfall (Nouripour durfte übrigens als Listennachfolger Joschka Fischers für B90/Grüne in den Bundestag einziehen) ausgesprochen wurde, sollte eigentlich besagen: ‚Erdoğan soll nicht glauben er sei ein für allemal davon gekommen, wir können die Türkei jederzeit in einen Bürgerkrieg lenken.‘ Solche unterschwelligen Drohungen sollen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit auch das Image einer instabilen Türkei befördern. Wie so viele seiner Zunft ist auch Nouripour ein geübter Manipulator; schon bezüglich seiner akademischen Laufbahn setzte er sich Titel auf die er garnicht erworben hatte.

Bei seinen massenhaften Verlautbarungen und Interviews am Tag nach dem Putschversuch blieben Nouripours aussagekräftige Tiefenverbindungen unerwähnt.

Omid Nouripour ist Vorstandsmitglied bei der Atlantikbrücke e.V. sowie Vorstandsmitglied Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.. Zu Nouripours Amerikahörigkeit paßt auch seine langjährige Tätigkeit für das Forum für interkulturellen Dialog e.V. (FID). Der Verein gehört zur deutschen Sektion der global für den US-Imperialismus agierenden Gülenisten. (Imam Gülens Einfluss reicht bis in die deutsche Politik) Nouripour war und ist (ganz im Sinne seiner atlantischen Agententätigkeit) auch ein Scharfmacher in der Ukraine-Frage.

Für Eskalation in der Ukraine hat auch der Christdemokrat Elmar Brok gesorgt. Der langjährige EU-Parlamentär bezeichnete während der Unruhen in der Ukraine die US-Agenten Vitali Klitschko (der auch in Tiefenverbindung zur CDU/CSU steht) und Arsenij Jazenjuk als perfekte bzw. ideale Besetzung für die höchsten Ämter der Ukraine. Jazenjuk war auch der Lieblingskandidat der US-Botschafterin Nuland.(„Die Demokratisierung ist eher ein Kollateralnutzen“) Beide Marionetten haben bekanntlich total abgewirtschaftet. Das spricht nicht gerade für gute Personalplanung bei den Atlantikern. Davon abgesehen ist die Ukraine von den atlantischen Freunden ins totale Bürgerkriegschaos manövriert worden. Obendrauf besteht seit der Farbenrevolution in der Ukraine hohes Kriegspotential zwischen NATO und Russland.

Paralell zu seiner Politkarriere arbeitete Brok für die Bertelsmann AG. Für das berüchtigte Medienunternehmen soll Brok seinen politischen Einfluß als EU-Parlamentär eingesetzt haben. Der Verfassungsrechtler und scharfe Kritiker der deutschen Parteienoligarchie Herbert von Arnim bezeichnet die Methode-Brok als „legale Korruption“. („Spitze des Eisbergs“)

Brok ist bemüht den Verdacht vom terroristischen Gülen-Netzwerk abzulenken. Auf die Frage was er von den Schuldzuweisungen gegen Gülen halte, sagte er: „Es ist nicht völlig auszuschließen, aber ich glaube das nicht.“ Weiter sagte Brok: „Präsident Erdogan wird die Situation erstens nutzen, um die Streitkräfte noch stärker auf sich auszurichten und die ihm nicht zugeneigten Kräfte zu entfernen. (…) Die Streitkräfte waren die tragenden Kräfte des Systems, das der Staatsgründer Kemal Atatürk errichtet hat. Es mag sein, dass wir jetzt das endgültige Ende dieses kemalistischen Systems erleben. Die letzten Wälle des Säkularismus werden abgeräumt.“ Wie in den Fällen Klitschko und Jazenjuk gehen Brok die Agenten aus. Brok scheint ein fatales Talent dafür zu haben immer auf die falschen Gäule zu setzen.

Nouripour und Brok; zwei Netzwerker für Destabilisierung, Bürgerkrieg und psychologische Kriegsführung. Mit solchen Volksvertretern haben es Deutschland und EU wahrlich weit gebracht. Überhaupt sind solche atlantischen Überzeugungstäter schnell mit Bürgerkriegsdrohungen im Äther wenn es um ihre Pfründe geht. So hatte auch der überzeugte Europäer Lech Walesa nach dem Wahlsieg der national-konservativen PiS in Polen sofort die übliche Bürgerkriegslitenai angestimmt. (Nach Regierungswechsel in Warschau – Lech Wałęsa warnt vor Bürgerkrieg in Polen)

Ganz anders sieht es übrigens bei einem wirklich Bürgerkriegsgefährdeten Land wie den USA aus. Im Fall der rassistisch motivierten Polizeigewalt gegen afrikanischstämmige Bürger in den USA schauen die westlichen Politmanipulatoren wie auch die angeblich freien Pressevertreter gerne weg. Niemand von diesen Leutchen hat jemals auch nur auf die Gefahr eines rassistisch motivierten Bürgerkriegs in den USA hingewiesen oder gar die amerikanischen Zustände ernsthaft zu kritisieren gewagt. Man bedenke: Medienberichten zufolge sollen allein in diesem Jahr monatlich rund 50 afrkanischstämmige US-Bürger durch Polizeikugeln getötet worden sein. (Die Gewalt der Konkurrenz – Warum US-Polizisten schwarze Bürger töten) Aber die USA sind schließlich ein „Rechtsstaat“. So konstruiert die globale politisch-mediale Oligarchie Wirklichkeiten. Die vielfältigen Krisen in den USA deuten aber viel mehr in Richtung staatlichen Zusammenbruch.

Nachdem der Griff zur totalen globalen geopolitischen Herrschaft durch die Kriege in Afghanistan und dem Irak gescheitert ist, müssen die amerikanischen Eliten um ihr Überleben fürchten. Die nationalen und internationalen Widersprüche verschärfen sich zusehends. Amerika wird deshalb immer aggressiver vorgehen. Die us-amerikanische Oligarchie weiß nur zu gut wie fatal eine unabhängige Türkei auf ihre ökonomischen, politischen und kulturellen Machtansprüche in Eurasien (und weltweit) einwirken würde.

Die Türkei ist kein Operettenstaat wie Ägypten oder die Ukraine. Bisher haben alle vom Westen initiierten Gewaltausbrüche in der Türkei – die Gezi-Park-Fuzzys, die terroristische PKK oder zuletzt die Gülenistischen Militärs – immer das Gegenteil bewirkt. Präsident Erdoğan konnte seine Position jedesmal weiter festigen und die Bevölkerung der Türkei wurde sich jedesmal der eigentlichen Strippenzieher immer bewußter. Nach dem Sieg über die Putschisten ist der Kampfwille von Regierung und Volk geradezu sagenhaft geworden. Es geht in Richtung Revolution. Die Reaktionen aus der ganzen sunnitisch-muslimischen Welt zu den Geschehnissen vom 15./16. Juli in der Türkei zeigen diesen Trend ebenfalls deutlich auf.

Body Count

Das „Phänomen“ ISIS bleibt der breiten Öffentlichkeit ein Buch mit sieben Siegeln. Besonders von Interesse dürfte dabei sein wie sich das „Kalifat“ finanziert und wie es um dessen militärische Schlagkraft steht.
Finanziert wird ISIS wohl weitgehend über den Ölhandel. Dieser Handel wird über Routen geführt die schon seit Jahren von den Kurden im Nordirak eingerichtet wurden. Wahrscheinlich deshalb geht die westliche Kriegskoalition nicht wirklich gegen diesen Ölhandel vor; der Ölhandel finanziert auch die prowestlichen Kräfte im Kriegsgebiet Irak-Syrien. Im Dunkeln bleibt vor allem auch wie viele Bewaffnete ISIS ins Feld führte und nach über einem Jahr massiver Luftangriffe der westlichen Kriegskoalition noch zur Verfügung hat.

„Aufklärung“ über diese letzte Frage kommt von den Amerikanern.

Ende November 2015 gab der amerikanische Oberst Steve Warren in seiner Funktion als Pressesprecher der Anti-ISIS-Koalition in Bagdad Zahlen bekannt. Demnach wurden seit dem Beginn der Anti-ISIS Operation im August 2014 23.000 (dreiundzwanzig tausend) ISIS-Milizionäre getötet. Zudem seien 400 Öltransporter zerstört worden. Dabei wurden insgesamt 8.500 Luftangriffe geflogen. Davon nur 500 in Syrien. Die angeblichen 23.000 getöteten ISIS-Milizionäre entfallen somit vor allem auf die irakische Front. US-General Lloyd Austin, der die Operationen der US-Truppen im Kriegsgebiet befehligt, spricht von „maximalen Verlusten für den Feind“. Die derzeitige ISIS-(Rest-)Truppenstärke geben die US-Militärs mit 20-30.000 an. Daraus kann wohl abgeleitet werden dass ISIS an der irakischen Front kaum noch über Truppen verfügt. Eigentlich müssten die kaum noch vorhandenen ISIS-Truppen von den irakischen Kurden und Schiiten leicht überrannt werden können. Nach wie vor gibt es aber auf Seiten der prowestlichen Kräfte keine nennenswerten Gebietsgewinne im Irak.

Die Zählweise des US-Militärs erinnert stark an die unrühmliche Praxis des Body Count im Vietnamkrieg.

Zum Begriff Body Count steht im entsprechenden Wikipedia-Artikel:

bodybomb„Die USA versuchten im Vietnamkrieg, durch den Body Count ihre eigenen Fortschritte zu bemessen, Verfechter war der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara: Je mehr gegnerische Leichen gezählt wurden, desto erfolgreicher schien die Taktik des Search and Destroy der amerikanischen Truppen zu sein. (…) Die Gegner wurden dabei in drei Kategorien eingeteilt: A: nordvietnamesische Soldaten und Kämpfer der FNL, B: „Schlafende“ also inaktive FNL-Kader, C: Personen, die „in irgendeiner Weise“ mit der FNL zusammenarbeiteten. Von der außerordentlich unscharfen Definition der Gruppe C war auch die Zivilbevölkerung in den Free Fire Zones betroffen. „Wenn man nach der Body-Count-Mentalität handelte und die Quoten erfüllen wollte, dann war das nur durch die Gruppe C zu schaffen – und das war einwandfrei Völkermord“, sagte nach dem Vietnamkrieg der CIA-Agent K. Barton Osborn, der für dieses Programm mitverantwortlich gewesen war.“

Zusammengefasst: Body Count ist eine äußerst ungenaue Methode um militärische Erfolge gegen eine Guerillabewegung zu messen. Es besteht keine wirkliche Zählung, vielmehr handelt es sich um Schätzungen. Zudem sind massive zivile Verluste unweigerlich vorprogrammiert und somit eindeutig als Kriegsverbrechen zu definieren.

Das die genaue Bestimmung von feindlichen Verlusten, besonders bei Luftangriffen, nicht möglich ist, dürfte auch militärischen Laien einleuchten. Jeder professionellen Kriegsaktion gehen Aufklärung über Anzahl, Positionierung und Bewaffnung des Feindes voraus. Dabei werden die eigenen Aufklärungsergebnisse auch mit Angaben des Feindes, z.B. durch Abhören des feindlichen Funkverkehrs oder Aussagen von Überläufern, kombiniert. Nobody is perfect: Selbsttäuschung und Täuschung durch den Feind ist immer mit im Spiel. Das ISIS innerhalb eines Jahres quasi die Hälfte der eigenen Truppenzahl eingebüßt haben soll, ist reine Spekulation wenn nicht sogar eine gezielte PR-Aktion. Ein bewußtes Ziel der US-Militärs könnte also leicht im Rahmen der psychologischen Kriegsführung gedeutet werden. Bezweckt würde dann primär eine Demoralisierung der aktiven ISIS-Kräfte und Abschreckung von inaktiven ISIS-Sympathisanten. Gleichzeitig soll natürlich auch die Siegeszuversicht der eigenen Kräfte gesteigert werden. Kurz: Kriegspropaganda.

In den spärlichen Presseberichten (in der deutschsprachigen Medienlandschaft ist praktisch nichts dazu erschienen – vielleicht wurde man allzu peinlich an den Vietnamkrieg erinnert?) über Oberst Warrens Öffentlichkeitsarbeit ist keine Rede von militärischen oder zivilen Verlusten der Anti-ISIS-Koalition. Die westliche Kriegskoalition führt im Kampf gegen ISIS mit 23.000:0. Im selben Zeitraum habe die westliche Kriegskoalition auch 15.000 irakische (schiitische und kurdische) Soldaten für den Kampf gegen ISIS ausgebildet. Allein die USA sollen dabei 2 Milliarden US-Dollar für deren Bewaffnung ausgegeben haben. Und durch die massiven Verluste soll ISIS inzwischen große Probleme haben neue Rekruten anzuwerben. So jedenfalls berichtet das US-Militär.

Wie schon angeschnitten (siehe Wikipedia-Artikel) werden unweigerlich zivile Verluste in die Body Count-Rechnung einbezogen. Einen Wink darauf gibt auch der US-Oberst. Wer fuhr die zerstörten 400 Tanker oder stand bei den Bombardierungen in der Feuerzone? Die Transporter werden zumeist nicht von ISIS-Milizionären gefahren. Tausende Transporter durchqueren das ISIS-Territorium. Die Fahrer sind überwiegend Zivilisten. Bombardiert werden auch Städte wie Rakka oder Mosul. Auch wenn dabei militärische Objekte ins Fadenkreuz genommen werden, sind zivile Verluste nie auszuschließen. Wie viele Zivilisten kamen bei den Luftangriffen der westlichen Kriegskoalition ums Leben? Oberst Warren nennt keine Zahlen. Dabei dürfte man doch bei einer scheinbar derart peniblen Zählung auch Angaben über „Kollateralschäden“ erwarten?

Aber nicht nur für die Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet Irak-Syrien ist die „Body-Count-Mentalität“ ein böses Omen. Bekanntlich haben die Amerikaner den Vietnamkrieg verloren. Dabei spielte die destruktive „Body-Count-Mentalität“ eine entscheidende Rolle. Die Methode ist ein Anzeichen für Kontrollverlust und damit auch für eine unkontrollierte Eskalation des Krieges. Was am Ende dabei herauskommt könnte alle Beteiligten Kräfte sehr überraschen.

Quellen:

Islamic State defections mount as death toll rises, U.S. official says

We destroyed 400 oil tanks and killed 23,000 terrorists, says Warren

’23 bin IŞİD militanı öldürüldü‘

Zum Ölhandel im Kriegsgebiet Irak-Syrien ist dieser Artikel lesenswert:
Profiteure des Terrors! Die Wege des illegalen Ölhandels!

Eine ungewöhnlich kritische Beurteilung des US-geführten Bombenkriegs im Kriegsgebiet Syrien-Irak ist hier zu sehen:

Der Alibi-Krieg – Zahlen und Fakten zu den US-Luftangriffen gegen den „IS“

Deutschland greift nach der Weltbank

381603_308621922483693_307712572574628_1286566_1235587944_nIn Washington tagt gerade die Weltbank.

Wie der Internationale Währungsfonds (IWF) ist auch die Weltbank in der sogenannten Dritten Welt (Asien, Lateinamerika, Afrika) als Instrument des westlichen Neokolonialismus gefürchtet und verhaßt. IWF und Weltbank entstanden kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Als finanzpolitisches Machtinstrument der atlantischen Weltordnung nach 1945, erlitt das Bretton Woods-Modell Anfang der 1970er Jahre schwere Schlagseite und ist derzeit gerade dabei ganz abzusaufen. Die Europäer sind in diesen amerikanisch konzipierten und geführten Institutionen zweitrangig. Auch Führungspersonal das aus der EU stammt arbeitet im Sinne der atlantischen Führungsmacht USA.

In den Deutschlandfunk-Nachrichten wurde Gestern (16.04.2015) eine nicht gerade Weltbankfreundliche Meldung durchgesagt. Danach sollen im Zuge von Weltbankprojekten in Afrika Millionen Menschen aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben oder umgesiedelt worden sein. Gleichzeitig wird beklagt, Deutschland habe zu wenig Einfluß innerhalb der Weltbank. Leider konnten wir die angesprochene kurze Deutschlandfunk-Meldung im Internet nicht ausfindig machen. Die Suchfunktion des Deutschlandfunks ist schon etwas zu chaotisch. Dafür spuckte Deutschlandfunk diese Meldung aus:

„Weltbank: Mehr Menschen weltweit haben ein Bankkonto – Rund 700 Millionen Menschen haben in den vergangenen vier Jahren erstmals ein Bankkonto eröffnet. Die Weltbank teilte in Washington mit, somit hätten inzwischen rund 62 Prozent aller Erwachsenen auf der Welt Zugang zu Bankgeschäften. 2011 waren es noch 51 Prozent. Weltbankpräsident Kim sagte, man habe große Fortschritte gemacht. Ziel sei es, die finanzielle Teilhabe für alle bis zum Jahr 2020 zu erreichen. Treiber der Entwicklung ist den Angaben zufolge die zunehmende Verbreitung von Handys vor allem in Afrika. Die Mobiltelefone erlauben Zugriff auf Verrechnungskonten. Damit kann Geld überwiesen, online eingekauft oder gespart werden.“ (Deutschlandfunk, 16.04.20015)

„Finanzielle Teilhabe“? Vielleicht meinen die guten Menschen von der Weltbank das hier: 85 Menschen besitzen so viel wie die halbe Welt. Frohe Botschaft für die Afrikaner also – was will man mehr?

Bleiben wir noch kurz bei den Wirtschaftsnachrichten. Ebenfalls Gestern (16.04.) gab es auch diese frohe Botschaft: Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsinstitute – Staat macht Überschüsse: Steuern senken oder investieren? Das Flüchtlinge inzwischen die ökonomische Konjunktur – die nach Expertenaussagen einen Höhenflug nach dem anderen hinlegt – gefährden sollen ist schon erstaunlich. (Kosten für Flüchtlinge – Weniger Geld für andere Aufgaben.)

Die Wachstumspolitik der Weltbank in Afrika wurde erst Anfang März (2015) in den deutschen Medien thematisiert. (Millionen Menschen umgesiedelt – Vertreibung im Namen der Weltbank) Deutschland bleibt also am Ball. Dem Augenschein nach spielt Deutschland auf Seiten der Vertriebenen und Entrechteten.

Was treibt Deutschland in Sachen Afrika derzeit eigentlich um? Was geschieht derzeit in Afrika? Gute Meldungen gibt es leider kaum. Afrika? Das ist doch: Ebola, Krieg, Hunger und Massenflucht auf einmal. Klingt ganz so als seien die Reiter der Apokalypse derzeit in Afrika besonders aktiv.

Kurz vor oder nach der Anfangs angeschnittenen Meldung des Deutschlandfunks, wurde auch über die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer berichtet. Vor der libyischen Küste ist wieder ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen gesunken; die Rede ist von bis zu 400 Toten. (Flüchtlinge im Mittelmeer – Bis zu 400 Menschen ertrunken)

Um solche unschönen Nachrichten für die Zukunft zu vermeiden setzt sich bekanntlich Deutschland für Auffanglager in Afrika ein. Dabei ist dieser Gedanke nicht neu. Seit Jahren fordern besonders die Christdemokraten solche Auffanglager. Nur scheiterten diese Vorstöße bisher; das Konzept war nicht besonders öffentlichkeitstauglich. „Auffanglager“ – das klang zu sehr nach Reservation, Schutzgebiet oder gar KZ. Schließlich gab es einen Kompromiss: Nordafrikanische Länder wie Algerien, Tunesien oder Libyen sollten den Europäern unerwünschte Flüchtlinge vom Leib halten. Besonders die ehemaligen regionalen Kolonialmächte Frankreich und Italien verhandelten in diesem Sinne mit diesen Ländern und kamen auch zu einem, für die EU, erfreulichen Abschluß. Nach dem Arabischen Frühling änderte sich die Situation aber dramatisch. Plötzlich fielen wichtige Verbündete wie Ben Ali oder Gaddafi aus. Besonders akut ist die Lage in Libyen. Die Hauptflüchtlingsströme aus Nahost und Schwarzafrika laufen nicht zufällig in Libyen zusammen. Deutschland und die EU versuchen nun verzweifelt den alten Zustand wiederherzustellen oder einen gleichwertigen Schutzmechanismus aufzubauen. (Vorschlag aus Deutschland und Italien – Auffanglager für Flüchtlinge in Afrika?) Zufällig haben dabei die Deutschen nun bemerkt dass es äußerst kontraproduktiv ist wenn Afrikaner auch noch von der Weltbank aus ihrer Heimat vertrieben werden. Etwas mehr deutsche Gründlichkeit bei der Weltbank tut Not.

Im Westen wird die Politik immer dann aufmerksam wenn es um das Allerwichtigste – um Geld – geht. Das „Friedensprojekt EU“ und die sogenannte Schicksalsgemeinschaft steht und fällt mit der Ökonomie. Für Deutschland und die EU geht es um die Achillesferse. Old Europe steht das Wasser bis zum Halse. Für den atlantischen Paten USA sieht es auch nicht besser aus; auch in Sachen Flüchtlinge. (Uncle Sam will keine Kinder aus Mittelamerika) Im Angesicht der totalen Katastrophe sind USA und EU insgeheim längst in eine Konkurrenzstellung zueinander getreten. (Neue Entwicklungsbank – Weltbank sieht keine Konkurrenz) Nicht zuletzt auch darum geht es, wenn Deutschland nach der Weltbank greift.

Apropos Institutionen… Auch wieder am 16.04. wurde in Spanien der ehemalige spanische Finanzminister und ehemalige IWF-Chef Rodrigo Rato von der spanischen Polizei festgenommen. (Vom IWF-Chefsessel in den Knast?) Rato war Vorgänger von Erfolgsmenschen wie Dominique Strauss-Kahn und Christine Lagarde, sowie Nachfolger von Horst Köhler.

Jeder gegen Jeden

chaos_theorieDie politische Großwetterlage im Nahen Osten ist derzeit so unübersichtlich wie sie vielleicht zuletzt während der mittelalterlichen Kreuzzüge war. Wer, warum und wo mit wem und gegen wen kämpft scheint keiner offensichtlichen Logik zu folgen. Die allgemeine Atmosphäre bietet auch zukünftig reichlich Nährstoff für alle (un)möglichen Konstellationen.

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Die neokolonialistische westliche Kriegskoalition unter Führung der USA kämpft im Irak Seite an Seite mit dem Iran gegen ISIS. In Syrien ist diese neue Waffenbrüderschaft ebenfalls aktiv. Rakka, das ISIS-Hauptquartier, wurde in den letzten Monaten zeitgleich von den USA, deren arabischen Verbündeten und dem Assad-Regime aus der Luft attackiert.  Nicht nur gegen ISIS sondern auch gegen die sunnitische Nusra-Front (die syrische Al-Kaida-Fraktion) und somit gegen die Freie Syrische Armee, die mit der Nusra-Front verbündet ist, richtet sich das gemeinsame militärische Vorgehen der westlichen Kriegskoalition und des Iran. Im Syrischen Krieg kämpfen reguläre iranische Einheiten und die proiranische Hisbollah schon von Anfang an auf Seiten des alawitischen Minderheitenregimes von Assad. Unlängst hat der US-Aussenminister bekundet dass man mit Assad reden müsse. Nach dem Iran, ist nun  auch das Assad-Regime als Ansprechpartner im Westen sehr gefragt. (Kerry-Äußerung zu Syrien-Konflikt – USA zu Gesprächen mit Assad bereit)

Symptomatisch für die konfuse Gesamtsituation ist auch dass der Westen in Syrien nun auch mit Russland an einem Strang zieht (beide Mächte müssen Assad retten um ihren Einfluss in der Region zu erhalten), während sich gleichzeitig beide Seiten in der Ukraine wieder einen blutigen Stellvertreterkrieg liefern.

Gleichzeitig aber greift das Assad-Regime das NATO-Land Türkei an. Für Assad fungiert dabei die DHKP-C als 5. Kolonne. Die letzten Sabotageakte, Bombenanschläge und Geiselnahmen in der Türkei wurden von dieser Untergrundorganisation (die auch in Deutschland angeblich verboten ist – siehe auch: Die „türkische RAF“ und ihre Verbindungen zum BND) verübt. Die Türkei dagegen unterstützt die Freie Syrische Armee. Im Gegensatz zum Westen – dessen schon länger zurückliegender Flirtkurs mit Assad nun offiziell ist – hat es die Türkei nie aufgegeben die Freie Syrische Armee zu unterstützen. Gemeinsam mit der Nusra-Front konnte die Freie Syrische Armee in den letzten Tagen bedeutende Erfolge (Befreiung Idlibs und Vormarsch bis zur syrisch-jordanischen Grenze) gegen Assads Truppen vermelden. Bei den westlichen Regierungen lösen solche Meldungen alles andere als Freudensprünge aus.

Im Jemen dagegen bombardieren (natürlich mit Zustimmung der USA) die prowestlichen Saudis schiitische Rebellen, die wiederum (wie sollte es auch anders sein) vom Iran unterstützt werden. Die saudische Intervention erfolgte zunächst aus der Luft. Derzeit berichten internationale Medien von einer Truppenlandung bei Aden. Unter wessen Flagge diese Truppen stehen sei „bislang unklar“ (so berichteten zunächst einige Sender des öffentlich-rechtlichen deutschen Rundfunks am 02.04. – etwas später wurde vermeldet dass es sich bei den Bodentruppen um ägyptische Einheiten handeln soll). Die jemenitische Al-Kaida-Fraktion hat derweilen ein Gefängnis gestürmt und 300 inhaftierte Kameraden befreit (darunter sollen auch hochrangige Führungsmitglieder sein).

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Die Situation ist nicht zufällig. Nachdem der große geostrategische Wurf der USA und Verbündeter desaströs scheiterte – die Invasionen in Afghanistan und dem Irak zielten sekundär auf den Iran und primär auf die postsowjetischen Länder Zentralasiens um somit Russland und China zu isolieren – hat die westliche Kriegskoalition nicht nur ungeheure materielle Verluste zu verkraften. Viel wichtiger ist der Prestigeverlust des Westens. Das Bild des übermächtigen Westens – insbesondere der USA – ist auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Auch regionale Verbündete wie die Türkei und Saudi-Arabien sind sich dessen sehr wohl bewusst. Deshalb entwickeln beide Länder eine immer selbstbewusstere Eigeninitiative. Das müssen sie auch. Klar ist nämlich dass die Grenzen im Nahen Osten neu gezogen werden. Die alten – von den westlichen Kolonialmächten besonders nach dem Ersten und teilweise nach dem Zweiten Weltkrieg gezogenen – Grenzen sind obsolet geworden. Die Regierungen beider Länder können auch kaum anders handeln. Denn die muslimischen Massen haben den historischen Wendepunkt schon längst intuitiv erfasst. Das der Westen nicht nur im Nahen Osten, sondern global – und vor allem im Inneren – endgültig abgewirtschaftet hat, ist in der muslimischen Welt allgemeiner Konsens. Das hat sich der Westen selbst zuzuschreiben.

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Wären die Probleme lediglich auf den diplomatischen oder militärischen Bereich beschränkt, könnte der Westen mittelfristig Lösungen im eigenen Sinne erreichen. Aber schon in diesen beiden Bereichen ist nur noch ein improvisatorisches Manövrieren zu beobachten. Der gescheiterte Generalangriff des Westens hat prinzipielle Auflösungserscheinungen zu Tage gefördert. Die Probleme des Westens sind nicht einfach auf den Nahen Osten oder die muslimische Welt beschränkt. Das Problem des Westens ist der Westen selbst. Schließlich ist der Krieg nicht vom Himmel gefallen. Der Westen muss Krieg führen um die eigene Lebensart fortführen zu können; eine Lebensart die die Welt an den ökonomischen und ökologischen Abgrund geführt hat und vom Westen nach wie vor als Heilslehre („Ende der Geschichte“) für die ganze Menschheit propagiert wird. Der Westen kann den Krieg im Nahen Osten schon aufgrund der psychologischen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme im eigenen Haus nicht gewinnen. Das letzte Mittel des Westens zur Übertünchung dieser Wirklichkeit führt über den Strang der sogenannten Informationsgesellschaft, d.h. massivste und subtilste Propaganda. Ob ein virtueller Faden ausreicht um den Westen aus dem Sumpf zu ziehen?

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Vom Hindukusch bis ins östliche Mittelmeer und von der Ukraine bis zum Horn von Afrika ist die geopolitische Plattentektonik bis zum bersten angespannt. Energien die sich seit 2001 angesammelt haben können sich jederzeit mit einer Wucht entladen mit der kaum jemand rechnet. Sogar das bisherige Geschehen der letzten knapp 15 Jahre könnte in den Schatten gestellt werden.

PEGIDA nach Griechenland!

Angeblich treten die Abendlandretter von PEGIDA für eine gewisse „europäische Identität“ ein. Für „westliche Werte“ wohl. Da kann man zunächst an Überschriften wie „Demokratie“, „Freiheit“ oder „Menschenrechte“ denken. Inzwischen wird Demokratie aber als „Betriebtesssystem des Kapitalismus“ bezeichnet und mit Freiheit kann nur noch die Freiheit des Marktes gemeint sein. Wo dann noch Menschenrechte zu finden sind mag sich jeder selbst zusammenphantasieren.

Vielleicht aber handelt es sich bei PEGIDA gerade um eine Volksbewegung a lá „back to the roots“?

Welche politische, kulturelle, wirtschaftliche etc Vorstellung PEGIDA-Menschen von „Europa“ haben ist weitgehend unbekannt. Nur dass der Islam bzw. Muslime das gute alte Europa kaputt machen; darüber sind sich die Abendlandretter einig. Die Übermacht der Muslime in Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Medien etc hat das „Friedensprojekt Europa“ gegen die Wand gefahren. Für diesen extrem Überpropotionalen Einfluß von Muslimen am Schicksal Europas haben PEGIDA-Menschen auch stichhaltige Beweise: So verlesen die Abendlandretter auf ihren Kundgebungen deutschsprachige Übersetzungen aus dem Koran. Das klärt die Öffentlichkeit über die Gefährlichkeit des Islam auf. Jeder PEGIDA-Mensch hält sich da natürlich für theologisch qualifiziert genug. Das darf nicht wundern. Solche Leutchen nehmen auch Wahlprogramme wortwörtlich und taumeln deshalb ihr Leben lang von einem Schock zum nächsten Trauma.

Stichwort Trauma: In Deutschland treten PEGIDA-Menschen besonders konzentriert in Ostdeutschland auf. Der Freistaat Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden dürfen inzwischen als Synonym für PEGIDA angeführt werden. Bekanntlich leidet Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung chronisch an und am Rassismus. Das der Anteil von Ausländern und Migranten gerade in den sogenannten Neuen Bundesländern verschwindend gering ist, spielt für PEGIDA-Menschen keine Rolle – man denkt und handelt ja in gesammteuropäischen bzw. weltpolitischen Kategorien.

Tatsächlich sind Ostdeutsche politisierter als ihre Verwandten in den sogenannten Alten Bundesländern. Das ist historisch bedingt. Seit 1914 stecken die Ostdeutschen in einer Permanentkrise. 1914-1933: Verlorener Weltkrieg I, Bürgerkrieg, Hyperinflation. 1933-1945: Nazi-Dikatur, verlorener Weltkrieg II. 1945-1989: Sowjetische Besatzung, SED-Diktatur. Im gesammten Zeitraum von 1914 bis 1989 waren die Ostdeutschen permanent Kanonenfutter, Unterdrückte und Hungerleider. Diesen Katastrophenparkur haben bis 1945 auch die Westdeutschen mitgemacht. Dann gab es aber für die Westdeutschen ab 1949 eine ganz anders geartete Entwicklung. Insgesammt 40 überfette Jahre haben in Westdeutschland einen anderen Kulturraum entstehen lassen. In Ostdeutschland sind gute Zeiten – wie etwa die Kaiserzeit 1871-1914 – nicht einmal mehr vom hörensagen bekannt. „Blühende Landschaften“ gab es für Ostdeutsche auch nach 1989 nicht. Schuld daran sind Muslime wie Helmut Kohl, oder Gerhard Schröder. Folgerichtig kann die Parole nur lauten: Islam abschaffen! Muslime regulieren!

In Dresden brachten die PEGIDA-Organisatoren bis zu 20.000 Sympathisanten auf die Straße. In Westdeutschland waren es gleichzeitig in mehreren Großstädten nur wenige hundert. In den Medien wurde zuletzt darüber berichtet dass PEGIDAs auf ihren Demos Symbole der „friedlichen Revolution“ (1989/90) benutzen würden. Wohlmöglich Sprechchöre wie „Wir sind das Volk!“ Das es PEGIDA-Menschen unterschwellig um Bananen und Klopapier geht, darf zumindest vermutet werden.

Während PEGIDA im Freistaat Sachsen ein „identitäres Europa“ fordert, steht das „Friedensprojekt Europa“ wieder vor dem Kollaps. Im griechische Parlament wollte ein gewisser Stavros Dimas Staatspräsident werden. Der Mann bekam aber nicht die nötige Mehrheit. Dimas (Ende der 1960er Jahre Anwalt an der Wall Street und Weltbank-Manager. Ab 1977 bis Anfang der 1990er mehrmals griechischer Minister, u.a. Handel und Industrie. EU-Komissar von 2004 bis 2010.) war sicher Lieblingskandidat von Angela Merkel. Deshalb toben die Bundeskanzlerin und ihre Partei (CDU/CSU) seit Tagen über den ‚Affront‘ des griechischen Parlaments. Nur wenige Stunden nachdem Dimas zum dritten mal keine Mehrheit erhielt, wurden im Kanzleramt „Überlegungen laut“ die einen Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone thematisierten. Gemeinerweise stellte das Kanzleramt die Sache so dar als ob der griechische Oppositionsführer Alexis Tsipras vom Linksbündnis SYRIZA schon immer und besonders jetzt einen Austritt seines Landes aus der Euro-Zone gefordert hätte. Tsipras und seine Partei sind aber keine Euro-Gegner, fordern aber entschieden einen Schuldenschnitt für Griechenland. Das fiese Foul wurde aber von den Medien schnell bemerkt. Es handelte sich also um die üblichen mafiösen Methoden „führender Politiker“; das griechische Wahlvolk sollte eingeschüchtert werden. (Alexis Tsipras bezichtigt Bundesregierung der Lüge)

PEGIDA und die Rettung des Abendlandes. PEGIDA und Griechenland. Da kommen unweigerlich Assoziationen auf. Schließlich sollte sich ein „identitäres Europa“ auch auf die gemeinsame Geschichte besinnen.

identitaer_europaDie „Geburt Europas“ wird bekanntlich im Antiken Griechenland verortet. Etwa 2000 v. Chr. wanderten indoeuropäische Stämme aus nördlichen Gebieten kommend (wer weiss; vielleicht aus dem heutigen Sachsen?) in den ägäischen Raum ein. Hier vermischten sie sich mit der, in antiken Quellen als „Pelasger“ bezeichneten, angestammten und nicht-indoeuropäischen Bevölkerung. Es entstand die sogenannte Mykenische Kultur; die erste hellenische (griechische) Hochkultur. Die Blüte dieser ersten europäischen Hochkultur ist auch der Minoischen Kultur auf Kreta zu verdanken. Von den Minoern übernahmen die mykenischen Hellenen entscheidende zivilisatorische Impulse. Die Minoer waren keine Indoeuropäer. Sie stammten wahrscheinlich aus dem vorderasiatischen Raum und hatten zudem starke kulturelle Verbindungen zum Alten Ägypten. Vielleicht handelte es sich bei den Minoern um Semiten; eventuell um Proto-Phönizier. Daran könnte der Mythos von der Entführung der libanesischen Dame Europa durch den griechischen Gott Zeus in Stiergestalt erinnern. Etwa um 1300 v. Chr. ging diese ägäische und damit auch erste europäische Zivilisation unter. Über die Gründe streiten und forschen Historiker und Archäologen noch. Auffällig ist aber der zeitgleiche Untergang vieler wichtiger Metropolen der bronzezeitlichen Welt von den Gestaden des Ägäischen Meeres über Kreta bis Syrien. Dabei handelte es sich zumeist um kriegerische Angriffe. Woher die Angreifer kamen und was genau aus ihnen wurde ist weitgehend unbekannt. Halbwegs ausführlich berichten nur ägyptische Quellen über diese „Seevölker“. Und nur Ägypten konnte deren Invasion zurückschlagen. Vielleicht wurden diese Invasionen und Kriege durch den Ausbruch eines Vulkans auf der ägäischen Insel Thera ausgelöst. Der Ausbruch soll derart gewaltig gewesen sein dass im Anschluß ein Tsunami auch die minoischen Küstenstädte auf Kreta schwer in Mitleidenschaft zog. Die staatlichen Strukturen wurden vielerorts auf ein Minimum bzw. primitiven Zustand zusammengestutzt; das beweisen archäologische Grabungen auf Kreta und in Griechenland für diese Zeit. Flucht und Hunger müssen diesen Zerstörungen unweigerlich gefolgt sein. Die Zeit von 1300-800 v. Chr. wird von den Historikern auch deshalb „Dunkle Jahrhunderte“ genannt, weil es praktisch keine schriftlichen Zeugnisse aus dieser Periode gibt. In dieser Zeit verschwanden die Minoer völlig aus der Geschichte und die Mykener gaben die Schrift auf, die sie gerade erst von den Minoern übernommen hatten. Um 800 v. Chr. gibt es dann wieder einen zivilisatorisch Neuanfang. Es ist die Homerische Zeit. Die Hellenen schreiben wieder; diesmal haben sie die Schrift von den semitischen Phöniziern übernommen. Um 500 v. Chr. blüht die griechische Staatenwelt auf. Das nach dem Athenischen Staatsmann Perikles benannte Zeitalter bringt der hellenischen Kultur unsterblichen Ruhm. Unter Führung von Sparta und Athen treten die Hellenen dem Machtanspruch des persischen Großkönigs erfolgreich entgegentreten. Doch Perikles war es auch der einen Krieg mit Sparta um die Vorherrschaft in der hellenischen Welt für alternativlos erklärte. Der Krieg laugte beide Seiten derart aus dass sich nur etwa ein Jahrhundert später praktisch die gesammte hellenische Welt den nicht-hellenischen Makedonen unterwerfen mußte. (Peloponnesischer Krieg)

Wer wissen will wie es mit den Alten Griechen und dem Abendland weiterging kann sich leicht weiterinformieren. (Der Grundtenor bleibt zwar immer gleich, aber die Einzelheiten sind sehr spannend!)

Nun, auch wir leben in „historischen Zeiten“. Soll heißen: Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase der Geschichte. Dank der hypermodernen Globalisierung betrifft diese Phase die gesammte Menschheit, den ganzen Planeten gleichzeitig. Wenn Europa seine „Stellung in der Welt“ behalten will muß bald etwas einschneidendes passieren.

Ist es da nicht wie ein Wink des Weltgeistes wenn heute die Quelle der abendländischen Zivilisation derart gedemütigt am Boden liegt und gleichzeitig Mutbürger aus Sachsen für ein „identitäres Europa“ auf die Straße gehen?