Muslimbrüder stehen vor El-Alamein – Oder: Wieviele Panzerdivisionen hat Mursi?

Pro-Morsi demonstration in Cairo

Revolutionäres Bewußtsein Fehlanzeige: Muslimbrüder protestieren gegen die Junta-Justiz. Einer der Brüder schwenkt dabei die Trikolore der Junta.

„Nach den bisherigen Erfahrungen mit den Muslimbrüdern ist aber zu befürchten, dass sie (…) mit einem Abtauchen in den Terroruntergrund reagieren werden. Insofern muss auch die gegenwärtige Ruhe auf Straßen und Plätzen trügerisch erscheinen, es könnte nur die Atempause vor einem Großangriff auf die Herrschaft ihrer Gegner sein. Während ihres einjährigen Regiments 2012/2013 soll die Bruderschaft gewaltige Mengen von Handfeuerwaffen, Munition und sogar Granatwerfern in sicheren Verstecken gebunkert haben; Auf islamischen Friedhöfen und in doppelbödigen Moschee-Kellern oder den alten Weltkriegs-Kassematten von Wüstenfuchs Rommel zwischen Marsa Matruh und El-Alamein an der Mittelmeerküste. Furcht kennen die Muslimbrüder nicht.“

Soweit der ‚Front-Bericht‘ von Heinz Gstrein aus Istanbul für die Rhein-Neckar-Zeitung. Ein Hauch Wochenschau-Ton, ein bisschen Hollywood-Dramatik und viel Fehlinformation…

Mutig sind die Muslimbrüder vielleicht, aber an strategischem Denken und Entscheidungskraft mangelt es ihnen nur allzu offensichtlich. Bezweifelt werden sollte aber ob die Muslimbrüder überhaupt soviel politisches Bewußtsein hatten um sich für einen Bügerkrieg aus- bzw aufzurüsten. Schließlich hat der Militärputsch vom Juli 2013 bewiesen dass die Muslimbrüder kalt erwischt wurden. Sie waren zu keinem Zeitpunkt auf diese Entwicklung vorbereitet.

Da wäre zunächst die unglaubliche Naivität der Brüder die Regierungsverantwortung in einem Land zu übernehmen das am Rande des Kollaps steht. Die Muslimbrüder sowie kleinere islamistische Anhängsel hatten sich gleich nach dem Wahlsieg vom Januar 2012 blindlings ans regieren eines angehenden failed state gemacht, ohne auch nur im geringsten zu berücksichtigen das sie für das – durch ihre prowestlichen Gegner – abgewirtschaftete Ägypten unweigerlich gerade stehen mussten.

Anstatt sich in einem Ägypten, dessen neokoloniale staatliche Institutionen den Muslimen spinnefeind und dessen prowestliche Eliten darauf getrimmt sind jeden politischen Erfolg muslimischer Kräfte zu sabotieren, vom Möchtegern-Parlamentarismus – Ägypten hat bekanntlich keine demokratischen Institutionen – strikt zu distanzieren und damit auf eine echte Volksrevolution hinzuarbeiten, tappten die Muslimbrüder gleich bei erster Gelegenheit in die Falle.

Wie jetzt immer deutlicher wird, handelte es sich nicht um einen kompensierbaren taktischen Irrtum sondern um einen fatalen strategischen Fehler. Von den Muslimbrüdern war aber auch nicht viel mehr zu erwarten.

Die Ihwan richteten ihren politischen Kampf schon immer an strikt pazifistischen Verhaltensnormen aus. Kleinere militante Abspaltungen bzw. Ausscheidungen blieben Bedeutungslos. Im Laufe der Zeit bildete sich ein geistiges, kulturelles und politisches Klima, das man als eine Mischung aus Zeugen Jehowas und Heilsarmee bezeichnen kann; die politische Macht würde ihnen früher oder später als himmlischer Lohn in den Schoß fallen wenn sie nur oft genug beteten und gemeinnützige Werke verrichteten. Naivität kann tödlich sein – die Muslimbrüder sind der Beweis dafür.

Ein weiterer Beweis ihrer Harmlosigkeit ist der Militärputsch. Die ägyptischen Generäle hätten es sich zweimal überlegt wenn es auch nur den geringsten Hinweis auf militanten Widerstand seitens der Muslimbrüder gegeben hätte. Die Generäle wußten schon was sie erwartete; keinerlei ernsthafter Widerstand – die Muslimbrüder lassen sich wie Hasen einfach abknallen. Bedenkt man die schon angesprochene – geradezu kindliche – Ahnungslosigkeit der Muslimbrüder und das Fehlen jeglicher realitätsbezogener Gefahrenanalyse dann grenzt es schon an ausgereifte Psychose mit einem „Großangriff auf die Herrschaft ihrer Gegner“ zu rechnen. Und wenn einige Muslimbrüder doch hier und da Maßnahmen getroffen haben sollten ist bei diesem Grand der Konzeptlosigkeit fest damit zu rechnen dass der ägyptische Geheimdienst genauso gut über die „gewaltigen Mengen“ von Waffen informiert ist.

Eine echte Ägyptische Revolution ist in weite Ferne gerückt. Der ‚revolutionäre Elan‘ der Muslimbrüder in Kombination mit der Brutalität der Junta wird – langfristig – höchstens eine Neuauflage des algerischen Bürgerkriegs mit sich bringen. Was nicht nur den Muslimbrüdern in Ägypten sondern gleich der ganzen muslimischen Welt fehlt ist ein islamischer Lenin.

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