Paradoxes aus dem Westen

Schon in den ersten Tagen der überraschenden Offensive des IS hatte die westliche Presse panikartig einen Militäreinsatz der Türkei gefordert. Die Presse reflektiert dabei nach wie vor natürlich nur den psychologischen Zustand der westlichen Politmanager und Geostrategen. Die Türkei hatte zunächst ganz andere Probleme mit dem plötzlichen ISIS-Einbruch im Irak. (Vor drei Monaten im Irak verschleppt – Türkische IS-Geiseln wieder frei) Primäres Ziel der türkischen Regierung war es die rund 80 türkischen Staatsbürger die während des ISIS-Vormarsches im Nordirak verschleppt wurden zu befreien. Dies gelang der Türkei dann auch nach monatelangen Verhandlungen. (Erleichterung in der Türkei – Dutzende Geiseln der ISIS wieder frei) 

Die türkische Politik während der Verhandlungen um die Befreiung der Geiseln hat Symbolcharakter.

Es ist nur selbstverständlich wenn die Sicherheitspolitik der Türkei darauf abzielt den – spätestens mit dem Auftauchen von ISIS sicheren – Zusammenbruch der Region soweit wie möglich unbeschadet zu überstehen. Momentan gibt es in der Region ohnehin nur die Türkei, den Iran und eventuell Saudi-Arabien die fähig wären nach der unausweichlichen „Stunde Null“ stabile staatliche Verhältnisse zu etablieren.

In der Türkei haben nun sogar traditionell eingefleischt pro-westliche Kreise die Hoffnung auf einen Endsieg der US-geführten Kriegskoalition aufgegeben:

„Warum sollte die türkische Armee das tun, was die Amerikaner kategorisch ablehnen? Warum sollten junge türkische Soldaten in einem schmutzigen Krieg sterben? Die USA haben uns dieses Chaos eingebrockt. Doch wenn es darum geht, sich zu engagieren, machen sie einen Rückzieher und die Länder in der Region müssen jetzt die Suppe auslöffeln.“ (Aus der türkischen Tageszeitung Milliyet, Presseschau Deutschlandfunk)

Während die westliche Kriegskoalition seit Beginn des Syrischen Kriegs mit allen Mitteln die Türkei aus Syrien herauszuhalten trachtet wenn es gegen Assad gehen soll, versuchen die westlichen Strategen nun krampfhaft die Türkei gegen ISIS in Syrien in Stellung zu bringen. Türkische Truppen sollen so schnell wie möglich die von ISIS-Einheiten eingeschlossene Stadt Ain al-Arab (kurdisch: Kobane) befreien. Ausgerechnet ein Gebiet das seit Beginn des Syrischen Kriegs von der PYD – dem syrischen Ableger der PKK – besetzt ist. Der Logik(!) von NATO-Strategen zufolge soll die Türkei also die PKK retten. Nur ein Beispiel für die hochgradig chaotischen Konstellationen in der Region. Genauso verschroben scheint der Einsatz des verteufelten Iran gegen ISIS. Immerhin ist nun einigen wenigen westlichen Beobachtern diese Situation aufgefallen:

„Die westlichen Staaten, die Stellungen der Dschihadisten im Irak bombardieren oder dies vorhaben, tun dies vor allem aus moralischen Gründen, um ihr Gesicht zu wahren. Sie wissen sehr gut, dass noch kein Krieg aus der Luft entschieden wurde. Dennoch lehnen sie es ab, Bodentruppen zu entsenden. Das Verhalten der Türkei ist in dieser Hinsicht ein Umbruch: Zum ersten Mal zeichnet sich eine reale Möglichkeit ab, dass sich ein NATO-Mitglied am Bodenkampf gegen den Islamischen Staat beteiligt. Wird der Westen die Türkei unterstützen oder Angst haben? Paradoxerweise sind die iranischen Ajatollahs bislang die einzigen, die den Kurden effizient helfen. Wäre es für die NATO und für die muslimische Welt nicht besser, wenn das stattdessen die Türkei tun würde?(Aus der tschechischen Zeitung Lidove Noviny; Presseschau Deutschlandfunk)

Trotz dieser anarchistischen Bedingungen wird die Türkei weiterhin versuchen das Assad-Regime in Syrien endgültig zu zerschlagen. Die türkische Forderung nach einer Schutzzone für syrische Flüchtlinge auf syrischem Gebiet ist die prompte Antwort der türkischen Staatsführung auf die NATO-Forderungen nach einem militärischen Einsatz der Türkei gegen ISIS in Syrien. Aus türkischer Perspektive muss zunächst Assads Terrorregime beseitigt werden und Frieden in Syrien einkehren. Genau das will der Westen aber verhindern; denn die Zerschlagung des Assad-Regimes unter türkischer Federführung würde die – seit Jahren ohnehin zunehmenden – Sympathien innerhalb der sunnitisch-arabischen Welt für die Türkei weiter erhöhen.

Eben dies ist das derzeitige Dilemma der westlichen Kriegskoalition: einerseits sollen Türken und Iraner im Nahen Osten für den Westen bluten und gleichzeitig sollen beide Länder auf keinen Fall an Einfluß gewinnen.

Dieses logische Paradoxon wird genauso wenig aufgehen wie alle vorherigen Strategien des Westens seit 2001.

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