Jeder gegen Jeden

chaos_theorieDie politische Großwetterlage im Nahen Osten ist derzeit so unübersichtlich wie sie vielleicht zuletzt während der mittelalterlichen Kreuzzüge war. Wer, warum und wo mit wem und gegen wen kämpft scheint keiner offensichtlichen Logik zu folgen. Die allgemeine Atmosphäre bietet auch zukünftig reichlich Nährstoff für alle (un)möglichen Konstellationen.

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Die neokolonialistische westliche Kriegskoalition unter Führung der USA kämpft im Irak Seite an Seite mit dem Iran gegen ISIS. In Syrien ist diese neue Waffenbrüderschaft ebenfalls aktiv. Rakka, das ISIS-Hauptquartier, wurde in den letzten Monaten zeitgleich von den USA, deren arabischen Verbündeten und dem Assad-Regime aus der Luft attackiert.  Nicht nur gegen ISIS sondern auch gegen die sunnitische Nusra-Front (die syrische Al-Kaida-Fraktion) und somit gegen die Freie Syrische Armee, die mit der Nusra-Front verbündet ist, richtet sich das gemeinsame militärische Vorgehen der westlichen Kriegskoalition und des Iran. Im Syrischen Krieg kämpfen reguläre iranische Einheiten und die proiranische Hisbollah schon von Anfang an auf Seiten des alawitischen Minderheitenregimes von Assad. Unlängst hat der US-Aussenminister bekundet dass man mit Assad reden müsse. Nach dem Iran, ist nun  auch das Assad-Regime als Ansprechpartner im Westen sehr gefragt. (Kerry-Äußerung zu Syrien-Konflikt – USA zu Gesprächen mit Assad bereit)

Symptomatisch für die konfuse Gesamtsituation ist auch dass der Westen in Syrien nun auch mit Russland an einem Strang zieht (beide Mächte müssen Assad retten um ihren Einfluss in der Region zu erhalten), während sich gleichzeitig beide Seiten in der Ukraine wieder einen blutigen Stellvertreterkrieg liefern.

Gleichzeitig aber greift das Assad-Regime das NATO-Land Türkei an. Für Assad fungiert dabei die DHKP-C als 5. Kolonne. Die letzten Sabotageakte, Bombenanschläge und Geiselnahmen in der Türkei wurden von dieser Untergrundorganisation (die auch in Deutschland angeblich verboten ist – siehe auch: Die „türkische RAF“ und ihre Verbindungen zum BND) verübt. Die Türkei dagegen unterstützt die Freie Syrische Armee. Im Gegensatz zum Westen – dessen schon länger zurückliegender Flirtkurs mit Assad nun offiziell ist – hat es die Türkei nie aufgegeben die Freie Syrische Armee zu unterstützen. Gemeinsam mit der Nusra-Front konnte die Freie Syrische Armee in den letzten Tagen bedeutende Erfolge (Befreiung Idlibs und Vormarsch bis zur syrisch-jordanischen Grenze) gegen Assads Truppen vermelden. Bei den westlichen Regierungen lösen solche Meldungen alles andere als Freudensprünge aus.

Im Jemen dagegen bombardieren (natürlich mit Zustimmung der USA) die prowestlichen Saudis schiitische Rebellen, die wiederum (wie sollte es auch anders sein) vom Iran unterstützt werden. Die saudische Intervention erfolgte zunächst aus der Luft. Derzeit berichten internationale Medien von einer Truppenlandung bei Aden. Unter wessen Flagge diese Truppen stehen sei „bislang unklar“ (so berichteten zunächst einige Sender des öffentlich-rechtlichen deutschen Rundfunks am 02.04. – etwas später wurde vermeldet dass es sich bei den Bodentruppen um ägyptische Einheiten handeln soll). Die jemenitische Al-Kaida-Fraktion hat derweilen ein Gefängnis gestürmt und 300 inhaftierte Kameraden befreit (darunter sollen auch hochrangige Führungsmitglieder sein).

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Die Situation ist nicht zufällig. Nachdem der große geostrategische Wurf der USA und Verbündeter desaströs scheiterte – die Invasionen in Afghanistan und dem Irak zielten sekundär auf den Iran und primär auf die postsowjetischen Länder Zentralasiens um somit Russland und China zu isolieren – hat die westliche Kriegskoalition nicht nur ungeheure materielle Verluste zu verkraften. Viel wichtiger ist der Prestigeverlust des Westens. Das Bild des übermächtigen Westens – insbesondere der USA – ist auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Auch regionale Verbündete wie die Türkei und Saudi-Arabien sind sich dessen sehr wohl bewusst. Deshalb entwickeln beide Länder eine immer selbstbewusstere Eigeninitiative. Das müssen sie auch. Klar ist nämlich dass die Grenzen im Nahen Osten neu gezogen werden. Die alten – von den westlichen Kolonialmächten besonders nach dem Ersten und teilweise nach dem Zweiten Weltkrieg gezogenen – Grenzen sind obsolet geworden. Die Regierungen beider Länder können auch kaum anders handeln. Denn die muslimischen Massen haben den historischen Wendepunkt schon längst intuitiv erfasst. Das der Westen nicht nur im Nahen Osten, sondern global – und vor allem im Inneren – endgültig abgewirtschaftet hat, ist in der muslimischen Welt allgemeiner Konsens. Das hat sich der Westen selbst zuzuschreiben.

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Wären die Probleme lediglich auf den diplomatischen oder militärischen Bereich beschränkt, könnte der Westen mittelfristig Lösungen im eigenen Sinne erreichen. Aber schon in diesen beiden Bereichen ist nur noch ein improvisatorisches Manövrieren zu beobachten. Der gescheiterte Generalangriff des Westens hat prinzipielle Auflösungserscheinungen zu Tage gefördert. Die Probleme des Westens sind nicht einfach auf den Nahen Osten oder die muslimische Welt beschränkt. Das Problem des Westens ist der Westen selbst. Schließlich ist der Krieg nicht vom Himmel gefallen. Der Westen muss Krieg führen um die eigene Lebensart fortführen zu können; eine Lebensart die die Welt an den ökonomischen und ökologischen Abgrund geführt hat und vom Westen nach wie vor als Heilslehre („Ende der Geschichte“) für die ganze Menschheit propagiert wird. Der Westen kann den Krieg im Nahen Osten schon aufgrund der psychologischen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme im eigenen Haus nicht gewinnen. Das letzte Mittel des Westens zur Übertünchung dieser Wirklichkeit führt über den Strang der sogenannten Informationsgesellschaft, d.h. massivste und subtilste Propaganda. Ob ein virtueller Faden ausreicht um den Westen aus dem Sumpf zu ziehen?

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Vom Hindukusch bis ins östliche Mittelmeer und von der Ukraine bis zum Horn von Afrika ist die geopolitische Plattentektonik bis zum bersten angespannt. Energien die sich seit 2001 angesammelt haben können sich jederzeit mit einer Wucht entladen mit der kaum jemand rechnet. Sogar das bisherige Geschehen der letzten knapp 15 Jahre könnte in den Schatten gestellt werden.

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