Body Count

Das „Phänomen“ ISIS bleibt der breiten Öffentlichkeit ein Buch mit sieben Siegeln. Besonders von Interesse dürfte dabei sein wie sich das „Kalifat“ finanziert und wie es um dessen militärische Schlagkraft steht.
Finanziert wird ISIS wohl weitgehend über den Ölhandel. Dieser Handel wird über Routen geführt die schon seit Jahren von den Kurden im Nordirak eingerichtet wurden. Wahrscheinlich deshalb geht die westliche Kriegskoalition nicht wirklich gegen diesen Ölhandel vor; der Ölhandel finanziert auch die prowestlichen Kräfte im Kriegsgebiet Irak-Syrien. Im Dunkeln bleibt vor allem auch wie viele Bewaffnete ISIS ins Feld führte und nach über einem Jahr massiver Luftangriffe der westlichen Kriegskoalition noch zur Verfügung hat.

„Aufklärung“ über diese letzte Frage kommt von den Amerikanern.

Ende November 2015 gab der amerikanische Oberst Steve Warren in seiner Funktion als Pressesprecher der Anti-ISIS-Koalition in Bagdad Zahlen bekannt. Demnach wurden seit dem Beginn der Anti-ISIS Operation im August 2014 23.000 (dreiundzwanzig tausend) ISIS-Milizionäre getötet. Zudem seien 400 Öltransporter zerstört worden. Dabei wurden insgesamt 8.500 Luftangriffe geflogen. Davon nur 500 in Syrien. Die angeblichen 23.000 getöteten ISIS-Milizionäre entfallen somit vor allem auf die irakische Front. US-General Lloyd Austin, der die Operationen der US-Truppen im Kriegsgebiet befehligt, spricht von „maximalen Verlusten für den Feind“. Die derzeitige ISIS-(Rest-)Truppenstärke geben die US-Militärs mit 20-30.000 an. Daraus kann wohl abgeleitet werden dass ISIS an der irakischen Front kaum noch über Truppen verfügt. Eigentlich müssten die kaum noch vorhandenen ISIS-Truppen von den irakischen Kurden und Schiiten leicht überrannt werden können. Nach wie vor gibt es aber auf Seiten der prowestlichen Kräfte keine nennenswerten Gebietsgewinne im Irak.

Die Zählweise des US-Militärs erinnert stark an die unrühmliche Praxis des Body Count im Vietnamkrieg.

Zum Begriff Body Count steht im entsprechenden Wikipedia-Artikel:

bodybomb„Die USA versuchten im Vietnamkrieg, durch den Body Count ihre eigenen Fortschritte zu bemessen, Verfechter war der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara: Je mehr gegnerische Leichen gezählt wurden, desto erfolgreicher schien die Taktik des Search and Destroy der amerikanischen Truppen zu sein. (…) Die Gegner wurden dabei in drei Kategorien eingeteilt: A: nordvietnamesische Soldaten und Kämpfer der FNL, B: „Schlafende“ also inaktive FNL-Kader, C: Personen, die „in irgendeiner Weise“ mit der FNL zusammenarbeiteten. Von der außerordentlich unscharfen Definition der Gruppe C war auch die Zivilbevölkerung in den Free Fire Zones betroffen. „Wenn man nach der Body-Count-Mentalität handelte und die Quoten erfüllen wollte, dann war das nur durch die Gruppe C zu schaffen – und das war einwandfrei Völkermord“, sagte nach dem Vietnamkrieg der CIA-Agent K. Barton Osborn, der für dieses Programm mitverantwortlich gewesen war.“

Zusammengefasst: Body Count ist eine äußerst ungenaue Methode um militärische Erfolge gegen eine Guerillabewegung zu messen. Es besteht keine wirkliche Zählung, vielmehr handelt es sich um Schätzungen. Zudem sind massive zivile Verluste unweigerlich vorprogrammiert und somit eindeutig als Kriegsverbrechen zu definieren.

Das die genaue Bestimmung von feindlichen Verlusten, besonders bei Luftangriffen, nicht möglich ist, dürfte auch militärischen Laien einleuchten. Jeder professionellen Kriegsaktion gehen Aufklärung über Anzahl, Positionierung und Bewaffnung des Feindes voraus. Dabei werden die eigenen Aufklärungsergebnisse auch mit Angaben des Feindes, z.B. durch Abhören des feindlichen Funkverkehrs oder Aussagen von Überläufern, kombiniert. Nobody is perfect: Selbsttäuschung und Täuschung durch den Feind ist immer mit im Spiel. Das ISIS innerhalb eines Jahres quasi die Hälfte der eigenen Truppenzahl eingebüßt haben soll, ist reine Spekulation wenn nicht sogar eine gezielte PR-Aktion. Ein bewußtes Ziel der US-Militärs könnte also leicht im Rahmen der psychologischen Kriegsführung gedeutet werden. Bezweckt würde dann primär eine Demoralisierung der aktiven ISIS-Kräfte und Abschreckung von inaktiven ISIS-Sympathisanten. Gleichzeitig soll natürlich auch die Siegeszuversicht der eigenen Kräfte gesteigert werden. Kurz: Kriegspropaganda.

In den spärlichen Presseberichten (in der deutschsprachigen Medienlandschaft ist praktisch nichts dazu erschienen – vielleicht wurde man allzu peinlich an den Vietnamkrieg erinnert?) über Oberst Warrens Öffentlichkeitsarbeit ist keine Rede von militärischen oder zivilen Verlusten der Anti-ISIS-Koalition. Die westliche Kriegskoalition führt im Kampf gegen ISIS mit 23.000:0. Im selben Zeitraum habe die westliche Kriegskoalition auch 15.000 irakische (schiitische und kurdische) Soldaten für den Kampf gegen ISIS ausgebildet. Allein die USA sollen dabei 2 Milliarden US-Dollar für deren Bewaffnung ausgegeben haben. Und durch die massiven Verluste soll ISIS inzwischen große Probleme haben neue Rekruten anzuwerben. So jedenfalls berichtet das US-Militär.

Wie schon angeschnitten (siehe Wikipedia-Artikel) werden unweigerlich zivile Verluste in die Body Count-Rechnung einbezogen. Einen Wink darauf gibt auch der US-Oberst. Wer fuhr die zerstörten 400 Tanker oder stand bei den Bombardierungen in der Feuerzone? Die Transporter werden zumeist nicht von ISIS-Milizionären gefahren. Tausende Transporter durchqueren das ISIS-Territorium. Die Fahrer sind überwiegend Zivilisten. Bombardiert werden auch Städte wie Rakka oder Mosul. Auch wenn dabei militärische Objekte ins Fadenkreuz genommen werden, sind zivile Verluste nie auszuschließen. Wie viele Zivilisten kamen bei den Luftangriffen der westlichen Kriegskoalition ums Leben? Oberst Warren nennt keine Zahlen. Dabei dürfte man doch bei einer scheinbar derart peniblen Zählung auch Angaben über „Kollateralschäden“ erwarten?

Aber nicht nur für die Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet Irak-Syrien ist die „Body-Count-Mentalität“ ein böses Omen. Bekanntlich haben die Amerikaner den Vietnamkrieg verloren. Dabei spielte die destruktive „Body-Count-Mentalität“ eine entscheidende Rolle. Die Methode ist ein Anzeichen für Kontrollverlust und damit auch für eine unkontrollierte Eskalation des Krieges. Was am Ende dabei herauskommt könnte alle Beteiligten Kräfte sehr überraschen.

Quellen:

Islamic State defections mount as death toll rises, U.S. official says

We destroyed 400 oil tanks and killed 23,000 terrorists, says Warren

’23 bin IŞİD militanı öldürüldü‘

Zum Ölhandel im Kriegsgebiet Irak-Syrien ist dieser Artikel lesenswert:
Profiteure des Terrors! Die Wege des illegalen Ölhandels!

Eine ungewöhnlich kritische Beurteilung des US-geführten Bombenkriegs im Kriegsgebiet Syrien-Irak ist hier zu sehen:

Der Alibi-Krieg – Zahlen und Fakten zu den US-Luftangriffen gegen den „IS“

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