„Weltkrieg im Kleinen“

D0295_deutsch_D1-1_Web300RGBHR-Info macht in einem Mini-Interview auf den drohenden Zusammenstoß der Großmächte Amerika und Russland aufmerksam. Bisher haben sich Amerikaner und Russen in Stellvertreterkriegen (Georgien, Ukraine, Syrien) gegenüber gestanden. Nun scheinen beide Mächte in Syrien vor einem direkten Schlagabtausch zu stehen. Strategisches Ziel der Amerikaner ist es, die Iraner von Syrien abzuschneiden. Dies soll mit der Errichtung eines kurdischen Staates zwischen dem Irak und Syrien geschehen. Dafür haben Amerikaner und Verbündete die Terrororganisation PKK (PYD/YPG/SDF) eingespannt. Russen und vor allem Iraner wollen dies wiederum verhindern. Die türkische Offensive gegen die PKK in Afrin dagegen hat die amerikanische Position in Gefahr gebracht. Das HR-Interview konzentriert sich jedoch auf einen direkten amerikanisch-russischen Schlagabtausch in Syrien. Die Auswirkung eines solchen Szenarios in Syrien wäre nicht nur für den Irak – wo die Amerikaner seit mindestens 10 Jahren notgedrungen auf eine Symbiose mit dem schiitischen Iran angewiesen sind – sondern auch für den Stellvertreterkrieg in der Ukraine mit unabsehbaren Folgen verbunden. Falls, wie im Interview auch zur Sprache kommt, die Amerikaner in Syrien eine Aktion unter falscher Flagge planten, so dürften diese Planungen durch russische Veröffentlichungen kaum noch möglich sein. Obwohl Amerika und Israel als Urheber einer Teilung Syriens benannt werden, wird mit keinem Wort auf die Rolle des treuen US- und Israel-Verbündeten Deutschland eingegangen. Die Europäer scheinen derzeit bei dem mutmaßlichen Plan der Amerikaner den Part der psychologischen Kriegsführung übernommen zu haben (siehe Anhang).

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HR-Info: Sieben Jahre Krieg, fast eine halbe Million Tote, Millionen auf der Flucht – und ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar. Immer mehr Mächte mischen mit in Syrien: Iran, Türkei, und der Irak wollen verhindern, dass sich im Norden eine Art kurdischer Staat etabliert; die USA und Israel betreiben genau das. Ist eine Lösung auf dem Verhandlungsweg noch möglich? Darüber haben wir mit Professor Günter Meyer gesprochen. Er ist Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Uni Mainz.

Es ist ein Weltkrieg im Kleinen der auf den Schlachtfeldern Syriens ausgetragen wird. Der Einmarsch der Türken in Afrin, in Ost-Ghouta die Einkesslung der Islamisten durch die Regierungstruppen, haben wieder eine große Fluchtbewegung ausgelöst. Professor Günter Meyer ist Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt und verfolgt den Krieg in Syrien seit den Anfängen. Ich habe ihn gefragt ob dieser Krieg jetzt in eine neue Runde geht.

Prof. Meyer: Er geht zweifellos in eine neue Runde. Einerseits vor dem Hintergrund dass die Türkei das Kurdengebiet im Nordwesten besetzt hat. Darüber hinaus Ost-Ghouta, d.h. am östlichen Stadtrand von Damaskus. Dieses Gebiet, bis auf drei Enklaven, in der Zwischenzeit von den dschihadistischen Rebellen durch die syrischen Truppen [gemeint sind die assadistischen Truppen] übernommen worden ist. Und darüber hinaus, nachdem jetzt die Strategie auch der Amerikaner klar ist, nähmlich die klar hinausläuft auf eine Teilung des Landes. Eine Abspaltung des östlichen Landesteiles [gemeint sind alle Gebiete östlich des Euphrat]. Damit haben wir gleich die nächste Eskalationsstufe in Syrien zu erwarten.

HR-Info: Wie weit werden denn die beiden Weltmächte in diesem Konflikt gehen, wie groß ist die Gefahr einer direkten Konfontration zwischen den USA und den Russen in Syrien?

Prof. Meyer: Diese Gefahr ist außerordentlich groß. Denn gerade durch die Zielsetzung der Amerikaner den gesamten Osten des Landes abzuspalten, mit der Zielsetzung dadurch den Einfluss des Iran abzumildern. Mit dieser Zielsetzung haben wir natürlich den klaren Konflikt vorprogrammiert gegenüber Russland. Russland ebenso wie das Regime von Assad, auch der Iran; sie wollen die Einheit des syrischen Staates erhalten und das widerspricht den Interessen der Amerikaner. Das heißt: Hier zeichnet sich eine unmittelbare Konfliktzone ab. Und gerade das was wir in der letzten Woche auch im UN-Sicherheitsrat erlebt haben, wo damit gedroht wird von der US-Botschafterin Nikki Haley im UN-Sicherheitsrat, dass Marschflugkörper von us-amerikanischen Kriegsschiffen im Mittelmeer abgefeuert werden sollen auf die Stellungen des syrischen Regimes. Stellungen, die zum Teil auch mit russischen Soldaten besetzt sind. Das hat dazu geführt dass im Gegenzug Russland vor einer solchen Konfrontation gewarnt hat. Marschflugkörper die auch die großen Ministerien etwa in Damaskus treffen können, in denen eben zu einem erheblichen Teil auch russische Fachkräfte, Militärberater mit betroffen wären. Das heißt also, hier [unverständlich] Ankündigungen und Warnungen aus Russland sich näher anschaut, da spitzt sich das ganze deutlich zu.

HR-Info: Der Iran, die Türkei, der Irak; sie wollen auf keinen Fall dass sich in Nordsyrien irgendeine Art kurdischer Staat etabliert. Die USA und Israel betreiben aber genau das. Ist eine Lösung auf dem Verhandlungsweg denn überhaupt möglich?

Prof. Meyer: Nachdem die US-Politik sich so klar festgelegt hat auf eine Trennung des Landes, auf eine Abspaltung des Ostens, sind die Fronten eindeutig. Das heißt also, mit einer friedlichen Lösung ist hier nicht zu erwarten. Ganz offensichtlich auch nach der Entlassung von Tillerson, setzt die Trump-Regierung auf eine militärische Lösung. Und worauf jetzt eigentlich gewartet wird, das ist nur noch ein entsprechender Vorwand. Und da ist auch sehr bedenklich zu sehen, wiederum Warnung von russischer Seite, dass in der Zwischenzeit in Tanf eine us-amerikanische Militärbasis auf syrischem Gebiet nahe der jordanischen Grenze, wo gerade mehr als 1000 US-Soldaten eingerückt sind, dass hier Dschihadisten ausgebildet worden sein sollen an chemischen Kampfstoffen, mit denen sie dann unter falscher Flagge einen Angriff im Süden von Damaskus durchführen sollen um so die Rechtfertigung für einen Militärschlag von Seiten der USA gegen das Assad-Regime zu geben. Wie weit das den Tatsachen entspricht bleibt abzuwarten. Es zeigt aber dass die Spannungen sicherlich größer werden und eine friedliche Lösung in der Region auf absehbare Zeit nicht abzusehen ist. Im Gegenteil: Es wird noch schlimmer und wahrscheinlich noch viel länger dauern als wir das bisher erwartet haben.

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Quellen & Verweise:

Neue Eskalation in Syrien: „Es wird noch schlimmer als wir erwartet haben“

Syrien – Der Kampf um die Aufteilung des Landes hat begonnen

Al-Tanf, Syria

Syrien-Einsatz der Bundeswehr: „Klage vor dem BVG hätte gute Chancen“

Gerhard Schröder: Ukraine plädiert für Sanktionen gegen Altkanzler

Ex-Kanzler – „Der wichtigste Oligarch Putins“: Sanktionen gegen Gerhard Schröder gefordert

UN-Sicherheitsrat – USA fordert nach Giftanschlag in Großbritannien „konrete Maßnahmen“ gegen Russland

UN-Sicherheitsrat: USA drohen mit Alleingang in Syrien

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